Blinde Flecken in der Sicherheitsdebatte

Durch die Vorstellung zweier ausgewählter Befunde der Broschüre „Sichtbarkeit und Sicherheit: Die Auswirkungen rechter Gegenmobilisierungen auf Pride-Teilnehmende in Sachsen“ möchte der Blog-Eintrag einen Beitrag zur Debatte über die Sicherheit und den Schutz von Pride-Paraden liefern und Fragen aufwerfen, die sich aus rechts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive anschließen.

Anti-Pride-Mobilisierungen als Problem demokratischer Teilhabe

Foto von Media Lens King.

Lea Bellmann (Dresden University of Technology, lea.bellmann@tu-dresden.de)

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Am Samstag, dem 25. Juli 2026, kam es zu einem durch islamistischen Extremismus motivierten Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin. Durch einen Autofahrer, der in eine Menschenmenge fuhr, wurde eine Frau getötet und weitere 29 Menschen verletzt – einige von ihnen schwer. Während die queeren Communitys und LSBTQIA+-Interessenvertretungen1 Trauerveranstaltungen und Hilfsangebote organisierten und einen besseren Schutz queerer Lebensweisen fordern, richten sich die Forderungen der CDU-geführten Bundesregierung auf den Täter. Es werden Verschärfungen im Polizei- und Strafrecht diskutiert, um sogenannte Gefährder besser an der Verübung von Straftaten zu hindern.2

Für eine ehrliche Debatte über die Prävention queerfeindlicher Gewalt und den Schutz von CSDs und anderen Pride-Paraden greift diese Verengung auf islamistischen Extremismus und terroristische Anschläge zu kurz. In den vergangenen Jahren waren es vor allem extrem rechte Akteure, die Pride-Paraden bedrohten, Gegenversammlungen anmeldeten und Störversuche durchführten. In der Pride-Saison 2024 erreichten diese Anti-Pride-Mobilisierungen in Deutschland ein neues Ausmaß: in Größe, Bekanntheit und Organisationsgrad.3 In der Saison 2025 war ein weiterer Anstieg zu verzeichnen: mindestens 110 der bundesweit 245 CSDs waren mit Gegenprotesten oder anderen Störungen konfrontiert.4 Das ostdeutsche Bundesland Sachsen stellte sich in beiden Saisons als Schwerpunkt heraus. So kam es hier jeweils zu den meisten Gegenversammlungen im Kontext der Pride-Events: 2024 waren mindestens 17 der 23 Pride-Veranstaltungen betroffen und 2025 mindestens 12 der 17 Events.5

Angriffe gegen lokale CSDs und Anti-Pride-Proteste – auch im ländlichen Raum – sind als Spitze des Eisbergs einer global ansteigenden Queerfeindlichkeit und der zunehmenden Gewalt gegen LSBTQIA+ zu verstehen. Gleichzeitig gehen sie mit konkreten Auswirkungen für queere Personen, Pride-Teilnehmende und Pride-Organisator*innen einher. Dies impliziert wiederum größere Herausforderungen für demokratische Teilhabe und queere Sichtbarkeit. Durch die Vorstellung zweier ausgewählter Befunde der Broschüre „Sichtbarkeit und Sicherheit: Die Auswirkungen rechter Gegenmobilisierungen auf Pride-Teilnehmende in Sachsen“ möchte der Blog-Eintrag einen Beitrag zur Debatte über die Sicherheit und den Schutz von Pride-Paraden liefern und Fragen aufwerfen, die sich aus rechts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive anschließen. Vorweg ist festzuhalten, dass islamistischer Extremismus und Rechtsextremismus nicht gleichzusetzen sind. Die Einordnung beider Phänomene in größere Kontexte von Antifeminismus und Queerfeindlichkeit sollte an anderer Stelle erfolgen. Ebenso können die Schutzkonzepte auf dem CSD Berlin mit hunderttausenden Teilnehmenden nur bedingt mit ländlichen, ostdeutschen CSDs mit teils nur hundert Besucher*innen verglichen werden.

Sichtbarkeit und Sicherheit: Ein bewegungsorientiertes Forschungsprojekt

Bellmann, Lea, & Stock, Bastian (2026). Sichtbarkeit und Sicherheit: Die Auswirkungen rechter Gegenmobilisierungen auf Pride-Teilnehmende in Sachsen. https://doi.org/10.17605/OSF.IO/9X5TJ

Die Broschüre basiert auf der Auswertung einer Online-Befragung von 2.701 Pride-Teilnehmenden in Sachsen während der Saison 2025. Dies entspricht ca. sechs Prozent aller Teilnehmenden in Sachsen und 16 Prozent der Besucher*innen von ländlichen Events. Die Ergebnisse ermöglichen erste Einblicke in die Auswirkungen der rechten Gegenmobilisierungen auf die Sicherheit und das Empowerment der Teilnehmenden. Unter ‚rechten Gegenmobilisierungen‘ werden sowohl angezeigte Gegenversammlungen als auch spontane Einschüchterungsversuche von Einzelpersonen gefasst. Die Verwendung von ‚rechts‘ statt ‚rechtsextrem‘ verdeutlicht, dass die Angriffe nicht nur von Personen der organisierten extremen Rechten ausgehen, sondern bis in ein bürgerliches, rechtskonservatives Milieu reichen. Dem Ansatz eines bewegungsorientierten Forschungsprojekts folgend, haben wir die Ergebnisse nicht primär in wissenschaftlichen Artikeln, sondern zuerst in einer frei zugänglichen Broschüre veröffentlicht. Zudem waren Pride-Veranstaltende in die Konzeption des Projektes eingebunden. Die Studie offenbart zahlreiche Einschnitte in die Sicherheit der Pride-Teilnehmenden: Knapp 40 Prozent der Befragten fühlen sich auf dem Heimweg eher oder sehr unsicher, auf allen Events wurden Beleidigungen und Bedrohungen erlebt, insgesamt wurden 55 Fälle von selbst erlebter körperlicher Gewalt angegeben, und Teilnehmende berichten beispielsweise von Einschränkungen in ihrer Outfitwahl, um nicht erkannt zu werden und dadurch sicherer zu sein. In der Auswertung zeigen sich zudem konkrete Unsicherheitsfaktoren und damit auch Möglichkeiten, die Sicherheit zu erhöhen. Zwei werden im Folgenden vorgestellt.

„Gegenprotest in Hör- und Sichtweite“: Nähe als Sicherheitsfaktor

Auf die Frage, was die Sicherheit auf sächsischen Prides erhöhen würde, äußerten die Befragten zwei primäre Forderungen: ein Verbot der Gegenversammlungen und der rechtsextremen Organisationen dahinter sowie ein größtmöglicher Abstand zwischen dem Pride-Event und der Gegenversammlung:

„Keine Genehmigung rechter Demos ‚in Hör- und Sichtweite‘, insbesondere nicht ‚hinter dem CSD herlaufen‘ – das stellt eine konkrete Bedrohung dar!“ Ein*e Teilnehmende*r des CSD Dresden

„[…] Wenn die Nazis nicht gleichzeitig demonstrieren dürften. Aber das ist in einem Rechtsstaat heikel und würde ja ggf. auch Demos gegen rechte Halunken verhindern.“ Ein*e Teilnehmende*r des CSD Bautzen

Dass die Nähe ein zentraler Faktor zur Erhöhung der Sicherheit sein kann, zeigt sich nicht nur an den Forderungen der Befragten, sondern auch in deren Sicherheitsgefühl. So ist nicht die Größe des Gegenprotestes zentral, sondern die Nähe der störenden Personen.

Schon Monate im Voraus mobilisierten neonazistische und extrem rechte Strukturen gegen den CSD in Bautzen. Wie bereits im Jahr 2024 kam es auch 2025 zur größten Gegenversammlung gegen einen CSD in Deutschland. Trotz der 550 Gegendemonstrant*innen fühlten sich 9 von 10 Pride-Teilnehmenden während des Events eher oder sehr sicher. Durch zusätzlich angemeldete Versammlungen in Seitenstraßen und zwischen dem CSD und der Gegenversammlung ist es gelungen, die Rechtsextremen die meiste Zeit außer Hör- und Sichtweite zu halten.

Im Kontrast dazu war das Sicherheitsgefühl beim CSD in Plauen am geringsten. 22 Prozent der Befragten fühlten sich während des Events eher oder sehr unsicher. In den Freitextantworten schildern die Teilnehmenden wiederholt die Verletzung des CSDs als ‚Safer Space‘ durch Jugendliche aus dem rechten Spektrum:

„Dass Neonazis mehrfach den Platz der Veranstaltung durchqueren konnten, Menschen beschimpfen, Drohungen aussprechen, rechtsextreme Zeichen ungestraft zeigen durften… hat mich beunruhigt. Ich hätte mir eine Konsequenz seitens der Polizei, zumindest ein Eingreifen und Verweis des Platzes gewünscht.“ Ein*e Teilnehmende*r des CSD Vogtland, Plauen

Pride-Teilnehmende schirmen einen Gegenprotest ab, CSD Stollberg 2025 ©Re:Protest

Die Nähe birgt zudem die Gefahr, erkannt zu werden. Besonders ortsansässige Pride-Teilnehmende berichten davon, dass Personen aus dem Bekanntenkreis oder Mitschüler*innen Teil der Gegenversammlung sind. Die Sorge, auf dem CSD erkannt oder gar fotografiert worden zu sein, führt dazu, dass die Unsicherheit weit über den Tag des CSDs hinaus besteht. Teilnehmende können sich nie sicher sein, ob die Gewalt erst später folgt. Parolen wie „Wir kriegen euch alle“ und Graffitis an den Bahnhöfen mit Sprüchen wie „Zecken jagen“ oder „Transen töten“ verdeutlichen die Gewaltfantasien der rechtsextremen Gegendemonstrant*innen.

„Pressefreiheit“: Rechtsextreme Streamer und Fotografen auf den Prides

Neben der Sorge, von rechten Privatpersonen fotografiert und gefilmt zu werden, besteht auch die Angst vor der Bloßstellung durch rechtsextreme Fotografen und Streamer mit viel größerer Reichweite:

„Meinerseits gab es vor allem die Sorge, dass rechte Journalisten oder Fotografen Bilder von mir machen könnten, um mich zurückzuverfolgen, und sich die körperlichen Angriffe erst im Nachhinein äußern könnten, bspw. durch Verfolgung. Durch gewaltbereite Aufrufe wie ‚Wir kriegen euch alle‘ von Seiten der rechten Gegenkräfte verstärkte sich meine Angst, körperlichen Angriffen ausgesetzt zu werden.“ Ein*e Teilnehmende*r des CSD Bautzen

„Die Polizei hat zugelassen, dass ein rechtsextremer Streamer die Demo verfolgt und das Ganze live filmt. Wir haben mit Schirmen und Bannern versucht, uns davor zu schützen, mit unseren Gesichtern auf diesem rechtsextremen Kanal zu landen. Anstatt den Streamer zu entfernen/von der Demo fernzuhalten, hat die Polizei uns darauf hinweisen lassen, dass wir die ‚journalistische‘ Arbeit dieses Menschen nicht behindern dürften. […]“ Ein*e Teilnehmende*r des CSD Pirna

Besonders die Streamer sind ein neues Phänomen. Oft mit vermeintlichen Presseausweisen ausgestattet, laufen sie durch die Pride-Veranstaltungen und versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihre Fragen sind einseitig und zielen darauf ab, queere und linke Positionen lächerlich zu machen. Die Streams zeigen Pride-Teilnehmende unanonymisiert und liefern sie teils Zehntausenden feindseligen Zuschauenden aus. Die Kommentarspalten sind voller Hass bis hin zu Todeswünschen. Oft gibt es kaum Möglichkeiten, sich der Videoaufnahme zu entziehen.

Bisher zeigt sich keine einheitliche Strategie der Polizei im Umgang mit Streamern. Während sie in einzelnen Fällen der Versammlung verwiesen werden, kommt es auch regelmäßig dazu, dass ihre Anwesenheit durch die Polizei ermöglicht wird. In einzelnen Fällen kam es auch zu Identitätsfeststellungen bei Pride-Teilnehmenden, welche versuchten, rechte Streamer abzuschirmen. 

The Bigger Picture: Auswirkungen auf die Versammlungsfreiheit?

Nicht alle Auswirkungen der rechten Gegenmobilisierungen werden durch die Befragung von Pride-Teilnehmenden sichtbar. So gibt es Personen, die aus Angst vor Gewalt nicht mehr an sächsischen Prides teilnehmen. Wie groß diese Gruppe ist, ist unklar. Die Befragung der Pride-Teilnehmenden zeigt jedoch, dass insgesamt 36 Prozent der Befragten mindestens eine Person kennen, die aus Angst nicht an einem Event teilgenommen hat. Bei Events mit Gegenversammlung liegt der Anteil mit 43 Prozent um 7 Prozentpunkte höher als im Gesamtdurchschnitt, bei ländlichen CSDs übersteigt er ihn mit 46 Prozent sogar um 10 Prozentpunkte. Wer diese Personen sind, die aus Angst nicht mehr teilnehmen, ist weitestgehend unklar. Befragte berichten jedoch davon, dass sie ihre Kinder nicht mitnahmen oder auch, dass People of Colour aus ihrem Umfeld nicht teilnahmen, da sie sich besonders unsicher fühlen.

Neben den Pride-Teilnehmenden selbst sind es vor allem die Organisator*innen, die von immer größeren Hürden bei der Organisation von CSDs und Pride-Events berichten. Diese reichen von sehr hohem Organisationsaufwand und steigenden Kosten für die Absicherung bis hin zu ganzjährigen Anfeindungen im Alltag.

In der Gesamtschau dieser Ergebnisse stellen sich größere Fragen zur demokratischen Teilhabe: Welche Auswirkungen hat es, wenn sich Personen nicht trauen, das Versammlungsrecht und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch zu nehmen? Wie wird das Vertrauen in demokratische Institutionen beeinträchtigt, wenn sich die Teilnehmenden nicht (mehr) durch die Polizei geschützt fühlen? Und was folgt, wenn das Versammlungsrecht der einen zur Gefahr für Leib und Leben für die anderen wird?

Während es in den letzten zwei Saisons zu zahlreichen rechtsextremen Gegenversammlungen bei Pride-Paraden kam, hat ihre Zahl im Jahr 2026 abgenommen. Stattdessen ist eine Verschiebung der Gewalt zu vermuten: So kommt es zu Eierwürfen aus Wohnhäusern, körperlichen Übergriffen durch Passant*innen und Beleidigungen auf dem Heimweg. Die Gegenversammlungen sind oft verschwunden, die Gewalt ist jedoch geblieben. Die Frage nach Gegen- und Schutzstrategien ist somit weiterhin dringlich und darf nicht allein bei den Täter*innen verharren.

Die gesamte Broschüre sowie der Datenbericht können hier abgerufen werden: https://kulturbuero-sachsen.de/neue-broschuere-sichtbarkeit-und-sicherheit/

  1. LSBTQIA+ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, trans, queere, inter und asexuelle Menschen. Das Pluszeichen umfasst weitere Identitäten jenseits dieser Kategorien. Im Text werden die Begriffe LSBTQIA+ und Queer synonym verwendet, um den Lesefluss zu verbessern. Gemeint sind jeweils alle Personen, die sich jenseits des cis-hetero-binären Spektrums verorten. ↩︎
  2. Antonette Stephany und Björn-Hendrik Otte, Was sagt das Gesetz zu Dobrindts Forderungen? (Tagesschau 2026) <https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/csd-anschlag-forderungen-recht-100.html> abgerufen am 1. August 2026. ↩︎
  3. Jessa Mellea und Joe Düker, Eine neue Generation von Neonazis: Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen im Jahr 2024 durch rechtsextreme Jugendgruppen im Internet (CeMAS 2024) <https://cemas.io/publikationen/neue-generation-neonazis-mobilisierung-gegen-csd-veranstaltungen> abgerufen am 1. August 2026. ↩︎
  4. Lea Lochau und Ronja Pohl, Queerfeindlichkeit sichtbar machen: Sicherheitsreport zu rechtsextremen Angriffen auf CSDs (Amadeu Antonio Stiftung 2025) <https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2025/10/Amadeu-Antonio-Stiftung_Sicherheitsreport-2025.pdf> abgerufen am 1. August 2026;
    Joe Düker, Jessa Mellea und David Faßbender, Keine Entwarnung: Rechtsextreme Anti-CSD Aufmärsche zwischen Fragmentierung und Kontinuität (CeMAS 2025) <https://cemas.io/publikationen/keine-entwarnung> abgerufen am 1. August 2026. ↩︎
  5. Jessa Mellea und Joe Düker, Eine neue Generation von Neonazis: Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen im Jahr 2024 durch rechtsextreme Jugendgruppen im Internet (CeMAS 2024) <https://cemas.io/publikationen/neue-generation-neonazis-mobilisierung-gegen-csd-veranstaltungen> abgerufen am 1. August 2026. ↩︎