
Johanna K. Fröhlich (Postdoctoral Fellow, University of Basel)
This article summarizes the key arguments of the author’s dissertation and open-access book, Die leidende Gemeinschaft des Volkes.
§1 Neu-Rechte sind Teil der modernen Ordnung (und gerade deshalb gefährlich)

Es ist ein paradoxes Bild: Auf der einen Seite demonstrieren bundesweit Hunderttausende gegen Rechts, auf der anderen Seite erreicht die AfD in Umfragen und bei Wahlen Rekordwerte. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der neuen rechten Bewegung – jener sozialen Bewegung, die sich 2015/2016 im Zuge der sogenannten “Flüchtlingskrise” rund um AfD, Identitäre Bewegung oder Pegida etablieren konnte – offenbart eine tiefe Hilflosigkeit.
Die etablierten Parteien reagieren in zwei dominanten Modi: Sie bauen
einerseits eine Brandmauer gegen Rechts auf, übernehmen aber andererseits rechte Positionen. Beide Strategien versuchen, der Etablierung der neuen rechten Bewegung etwas entgegenzusetzen – und beide Strategien scheitern, wie die jüngsten Wahlergebnisse zeigen. Doch warum scheitern sie?
Ein verbreitetes Missverständnis prägt die Debatte: Die neue rechte Bewegung wird vor allem als Abweichung oder gar Rückschritt von der modernen Ordnung interpretiert, als das Andere dieser Ordnung. Diese Perspektive ist problematisch, weil sie (1) die Mechanismen ausblendet, über die Neu-Rechte Anschlussfähigkeit gewinnen, und (2) die Polarisierung zwischen einem kollektiven Wir und einem außerhalb der Ordnung stehenden Die verstärkt.
Statt Delegitimierungsversuchen bedarf es einer Auseinandersetzung, die versteht, warum neu-rechte Narrative für viele Menschen anschlussfähig erscheinen und welche gesellschaftlichen Widersprüche sie adressieren. Meine Dissertation setzt an diesem Punkt an: Ich betrachte die neue rechte Bewegung nicht isoliert, sondern in ihrem Verhältnis zur modernen Gesellschaft.
§2 Was ich empirisch sichtbar mache (Ethnographie als Zugang zu Ordnung)
Um die neue rechte Bewegung als gesellschaftlich eingebettete soziale Bewegung zu analysieren, wähle ich einen ethnographischen Forschungsansatz. Dadurch lassen sich Perspektiven nicht nur aus diskursiven Dokumenten oder medialen Repräsentationen ableiten, sondern unmittelbar aus Interaktionen rekonstruieren: Wie wird Zugehörigkeit erzeugt? Wie wird Bedrohung erlebt? Wie wird Gewalt als Gewalt identifiziert und moralisch aufgeladen?
Der analytische Schlüssel ist dabei Ordnung: Neu-rechte Ordnungsbildung ist nicht bloß Abweichung, sondern eine spezifische Form gesellschaftlicher Ordnung, die an zentrale moderne Kategorien anschließt – und diese transformiert.
§3 Moderne Ordnung in Minimalform: Vertrauen in Gewaltlosigkeit und die Autorität des Opfers
Oft wird die neue rechte Bewegung als Gegenmodell zur modernen Gesellschaft dargestellt. Diese Gegenüberstellung greift zu kurz: Vielmehr greift die neue Rechte zentrale Elemente der modernen Ordnung auf und transformiert sie.
In Minimalform lässt sich die normative Grundlage moderner Gesellschaften so fassen:
- Moderne Gesellschaften beruhen auf einem institutionalisierten Vertrauen in Gewaltlosigkeit: Wir vertrauen in der Regel darauf, nicht zum Opfer von Gewalt zu werden, wenn wir den Schutz unserer Familie verlassen.
- Der Staat stützt dieses Vertrauen durch das Gewaltmonopol, muss Gewalt aber zugleich gegenüber einem kritischen Staatsvolk legitimieren.
- Damit einher geht eine Aufwertung des Opfers illegitimer Gewalt:
Wer Gewalt erleidet, erhält eine privilegierte Sprecher:innenposition; moralische Autorität liegt zunehmend bei denen, die Gewalt erlitten haben.
Diese Ordnung ist attraktiv und fragil zugleich: Attraktiv, weil sie Schutz und Recht verspricht; fragil, weil sie darauf angewiesen ist, Gewalt zu identifizieren, zu delegitimieren und politisch zu bearbeiten, ohne das Vertrauen in Gewaltlosigkeit zu zerstören.
§4 Kernthese: Opferstatus ist nicht nur Rhetorik, sondern eine affektive Struktur
Meine zentrale These lautet: Die Opferposition der neuen rechten Bewegung ist nicht nur eine diskursive Strategie. Sie lässt sich als affektive Struktur beschreiben, die individuelle Erfahrungen mit kollektiven Narrativen verschränkt. Erst durch situative Erfahrungen des Opfer-Seins innerhalb der Bewegung wird die (zunächst abstrakte, diskursiv vermittelte) Opferposition des Volkes in eine konkret erlebbare Zugehörigkeit überführt.
Diese Struktur lässt sich in drei Schritten knapp rekonstruieren:
“Wir werden angegriffen”: situative Betroffenheit als Ordnungsmoment
In konkreten Situationen (z.B. Demonstrationen, Zusammenstöße, Gerüchte über Angriffe, das erwartete Auftauchen der “Antifa”) wird Betroffenheit nicht nur behauptet, sondern erlebt. Entscheidend ist: In solchen Momenten wird Gewalt nicht bloß als Gefahr gedeutet, sondern als Bestätigung der eigenen Wahrheit und der eigenen Zugehörigkeit.
“Das Volk wird angegriffen”: doppelte Opferidentifikation
Die situative Erfahrung wird mit einer übergreifenden Erzählung verschränkt: Nicht nur wir sind Opfer, sondern das Volk ist Opfer. In dieser Gleichsetzung liegt eine doppelte Opferidentifikation: einerseits leiblich, unmittelbar, situativ; andererseits historisch, moralisch, kollektiv
Kollektivierung: vom Opfer der Gewalt zur Sakralisierung des Volkes
In der modernen Ordnung ist Opfer-Sein eng an die moralische Autorität individueller Leidenserfahrung gekoppelt. Die neue rechte Bewegung knüpft an dieses Muster an — und umgeht zugleich die damit verbundene “Sakralisierung des Individuums”, indem sie den Opferstatus kollektiviert: Die Opferstruktur wird zur Sakralisierung des Volkes genutzt.
§5 Warum Protest, Skandalisierung und Ausschluss oft das Gegenteil bewirken
Diese Dynamik erklärt, warum klassische Gegenstrategien — öffentliche Gegenwehr, Protest oder mediale Skandalisierung — die Bewegung oft nicht schwächen, sondern ihre Selbstwahrnehmung als verfolgte, aber standhafte Verteidigerin des Volkes verstärken. Denn neu-rechte Akteur:innen definieren sich über einen permanenten Antagonismus und inszenieren sich über die Erfahrung von Marginalisierung als Opfer einer vermeintlich hegemonialen liberalen Ordnung.
Daraus folgt kein Plädoyer für “Nachsicht”. Es folgt vielmehr eine strategische Diagnose: Eine Auseinandersetzung, die Neu-Rechte primär als das Andere der Ordnung adressiert, liefert ihnen häufig genau jene Evidenz, die ihre Opferposition affektiv und moralisch stabilisiert.
§6 Gesellschaftliche Relevanz: Es geht um ein neues Verhältnis zu Gewalt
Der Erfolg der Bewegung beruht nicht auf einer reinen Opposition zur Moderne, sondern auf der Aneignung moderner Ordnungskategorien: Opferstatus, Gemeinschaftsbildung und Legitimitätsanspruch. Die Gefährdung der Ordnung entsteht weniger durch konkrete Forderungen (etwa migrationspolitisch), sondern durch die Etablierung eines neuen Verhältnisses zu Gewalt, das auf polarisiert gegenüberstehenden Gruppen beruht.
Gesellschaftlich steht damit viel auf dem Spiel: Wenn sich ein dauerhaft
antagonistisch strukturiertes Gruppenverhältnis stabilisiert, dann wird die moderne Idee, Konflikte primär über Verfahren, Rechte und Gewaltbegrenzung zu bearbeiten, erodiert.
§7 Handlungspraktische Folgen: Drei Vorschläge, die das Opfernarrativ nicht stärken
Wenn Proteste das rechte Weltbild eher stärken als schwächen, sind neue gesellschaftliche Antworten gefragt. Aus dem tieferen Verständnis der Bewegung ergeben sich Handlungsoptionen, die über bloße Reaktionspolitik hinausgehen.
1. Keine Bestätigung des Opfer-Narrativs
Statt rechte Akteur:innen pauschal als Feind:innen der Demokratie oder als das Andere der Ordnung zu behandeln, ist es notwendig, ihre Position als Teil gesellschaftlicher Dynamiken zu verstehen. Das bedeutet nicht, rechte Positionen zu akzeptieren oder zu normalisieren, sondern gezielt zu reflektieren, inwiefern bestimmte Reaktionsmuster das Opfer-Narrativ unbeabsichtigt verstärken. Konfrontative Strategien, die darauf abzielen, rechte Akteur:innen öffentlich bloßzustellen oder aus gesellschaftlichen Diskursen auszuschließen, können deren Selbstbild als verfolgte Wahrheitsverkünder:innen ungewollt legitimieren — insbesondere in Verbindung mit medialen Logiken.
2. Zweifel an der Legitimität kollektiver Opfer-Narrative
Ein zentrales Problem der modernen Gesellschaft ist die wachsende Bedeutung kollektiver Opfernarrative als Quelle politischer Legitimation. Während der Schutz vulnerabler Gruppen essentiell ist, zeigt die rechte Bewegung, dass die Logik der Opferprivilegierung auch von Akteur:innen genutzt werden kann, die nicht für Gleichberechtigung, sondern für Ausgrenzung eintreten. Anstelle einer politischen Kultur, die Leid automatisch als moralische Legitimation anerkennt, bedarf es einer stärkeren Orientierung am universellen Individualismus, d.h. an der Anerkennung gleicher Rechte für alle – unabhängig von Gruppenzugehörigkeiten oder kollektiven Verfolgungsnarrativen.
3. Stärkung von Gemeinschaftsformen jenseits des Antagonismus
Die Attraktivität der neuen rechten Bewegung speist sich auch aus ihrem Angebot einer stabilen kollektiven Identität. Eine gesellschaftliche Antwort auf rechte Ideologien muss daher alternative Formen der Gemeinschaftsbildung fördern, die Zugehörigkeit ermöglichen, ohne auf Exklusion oder antagonistische Logiken angewiesen zu sein. Besonders wichtig ist es, kollektive Identitäten zu stärken, die mit der Idee des Menschenrechtsindividualismus vereinbar sind — etwa durch eine Neubewertung des Staatsvolks als inklusiver Gemeinschaft oder durch lokale soziale und politische Netzwerke, die Individualität und Zusammenhalt nicht als Gegensätze begreifen.
Drei Takeaways für die öffentliche Debatte
- Die neue rechte Bewegung wird nicht schwächer, weil sie nicht außerhalb, sondern innerhalb moderner Ordnungsmuster Legitimität erzeugt.
- Opferstatus ist dabei nicht nur Argument, sondern eine affektive Struktur, die unmittelbares Erleben in kollektive Sinnordnung übersetzt.
- Wirksame Gegenstrategien müssen deshalb das Opfernarrativ nicht weiter “füttern”, sondern Legitimitätsquellen (Opfer, Gemeinschaft, Gewalt) neu austarieren: individualistisch, verfahrensorientiert und gemeinschaftsfördernd ohne Antagonismus.
Weiterführend (Open Access): Johanna K. Fröhlich, Die leidende Gemeinschaft des Volkes: Ethnographische Beobachtungen in der neuen rechten Bewegung. DOI: 10.5771/9783748965794.